Predigt 22.03.2020 - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Predigt zum Sonntag Laetare (4. Sonntag in der Passionszeit)

22. März 2020


Einen gesegneten Sonntag!

Normalerweise stünde ich heute in der Paul-Gerhardt-Kirche, hielte Gottesdienst, predigte – am 4. Sonntag der Passionszeit. „Laetare!“ – „Freut euch!“, so heißt dieser Sonntag. „Worüber?“, könnten wir antworten, denn es ist nicht normalerweise, es ist Corona-Krise.
Der Ausnahmezustand hat uns schnell erreicht. Vor genau drei Wochen haben wir Abendmahl in der Kirche nur mit Brot gefeiert. Die meisten von uns haben sich vor dem Gottesdienst noch mit Handschlag begrüßt – heute undenkbar. Wirklich Angst hatte niemand, vielleicht, so dachten wir, hätten wir ganz normal Abendmahl feiern können, aber zur Sicherheit … um niemanden zu verunsichern …
Etwa zehn Tage später empfahl die Landeskirche, alle kirchlichen Veranstaltungen bis auf Gottesdienste und Andachten einzustellen. Diese Empfehlung hielt nicht lange, am 15. März fand in unserer Region kein Gottesdienst statt, zwei Tage später wurden Gottesdienste sowieso verboten.
Auch unsere Idee, die Kirche zur Gottesdienstzeit zu öffnen, Raum zur Besinnung zu geben, sie war schön, aber kurzlebig. Und nun sind Kirche und Gemeindehaus geschlossen, nur die Glocken laden jeden Abend um 19 Uhr zum Gebet ein, zum häuslichen Gebet, versteht sich.
Es ging alles so schnell – doch langsam begreifen wir die Tragweite. Denn der Gottesdienst ist doch der Herzschlag der Kirche, ein besonderer Ort der Glaubens-Gemeinschaft. Nun ist dieser Ort versperrt, ebenso wie die anderen Gemeinschafts-Orte in unserer Gemeinde.
Was bleibt uns übrig? Wir können Nachbarschaftshilfe organisieren, das Diakonische Werk tut das sowieso. Aber wir sind da nicht die Einzigen, zum Glück. Nichtkirchliche Organisationen machen das genauso und ganz viel ergibt sich spontan, über den Hausflur.
Wir können Gottesdienste ins Netz verlegen. Das funktioniert auch ganz gut – aber irgendwie ist es nicht das gleiche. Viele fremdeln noch mit dem ungewohnten Medium und sehnen sich nach dem Händedruck vor dem Gottesdienst, dem Lächeln über die Stuhlreihen hinweg, dem gemeinsamen Gesang.

Aber machen wir uns nicht unnötig klein! Wir haben in der Kirche ja nicht nur Erfahrung mit tröstlicher Gemeinschaft, sondern auch mit Trost über Entfernungen hinweg. Über Räume und Zeiten. Der Apostel Paulus war mit seinen Gemeinden meistens nicht im Blickkontakt, sondern im Briefkontakt.
Biblische Texte können berühren, obwohl sie uralt sind, obwohl wir sie nicht selbst geschrieben haben. Zumeist haben wir gar keine Ahnung von denen, die sie geschrieben haben. Und doch können solche Worte, irgendwann für irgendwen geschrieben, heute unser Leben verändern.
Und so hören wir heute, völlig quer zur Grundstimmung dieser Tage, aus ferner Vergangenheit: „Laetare!“ – „Freut euch!“
Dieser Ausruf läge auch ohne Corona völlig quer. Denn eigentlich ist in unseren Kirchen zur Zeit der Leidensweg Christi dran. Sonntag für Sonntag hören wir (oder hätten es gehört), dass Jesus sterben wird, qualvoll sterben wird, dass wir Menschen auch noch daran schuld sind. Und dann ruft ein Sonntag frech „Freut euch!“ dazwischen.
Warum?
Für mich ist auch der Leidensweg Jesu, bei aller Grausamkeit, eine Quelle des Trostes. Denn er bedeutet doch, dass Jesus, der Sohn Gottes, auf dem Weg zu den Menschen (zu uns!) ist. Noch ganz zuletzt schleppt er seine Liebe zu uns. Er lässt sich nicht beirren auf seinem Weg in die letzte, schmerzhafteste Ecke unseres Lebens. Er ist unterwegs zu den Schreienden, zu den Gequälten, den Einsamen, den Verzweifelten, den Sterbenden.
Normalerweise hätte ich vielleicht gesagt: Damit weist er auch uns den Weg zu den Menschen, in die dunklen Ecken ihres Lebens. Aber das passt in diesen Tagen nicht ganz. Denn wir helfen im Moment, indem wir von Menschen weggehen.
Das widerspricht unseren Instinkten. Wenn jemand in Not ist, gehen wir hin.
Stattdessen bleiben wir weg, damit möglichst wenige in Not geraten. Es gibt aber genug Möglichkeiten, anderen nahe zu sein – ohne ihnen persönlich zu begegnen. Gefüllte Einkaufstaschen vor die Tür stellen. Telefonieren. Skype installieren, damit ein Lächeln weitergegeben werden kann, über das Netz, immerhin. Telefonieren, öfter als sonst. Beten.

Wir begehen eine besondere Art von Fastenzeit: Wochen ohne Party, ohne Konferenzen, ohne Restaurantbesuch, ohne Konzerte. Verzicht – damit es uns selbst, damit es vor allem anderen besser geht.
„Lätare!“ – „Freut euch!“. Die Texte dieses Sonntags geben uns dazu beson deren Grund: Sie erzählen vom vielfältigen Zusammensein Gottes mit uns.
Im Predigttext aus dem Alten Testament, ganz am Ende des Prophetenbuchs Jesaja (Jesaja 66,10-14), ist Gott die große Lebensspenderin: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Symbol für diese Mutterliebe Gottes ist die heilige Stadt Jerusalem, wir dürfen uns „satt trinken an den Brüsten ihres Trostes, reichlich trinken und uns erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.“
Hier wird Gott als Mutter beschrieben, die uns geboren hat, uns freilässt in eine schwierige Welt und uns begleitet und verteidigt, wie eine Löwenmutter.
Die Epistel des Sonntags aus dem 2. Korintherbrief (2. Korinther 1,3-7) lobt Gott als „Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“, als Begleiter in der Bedrängnis. Sie ermuntert uns, diesen Trost weiterzugeben.
Im Evangelium schließlich (Johannes 12,20-24) vergleicht sich Jesus selbst mit dem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt und gerade dadurch viel Frucht bringt. Gott ist eben nicht nur Mutter und Vater, sondern auch Bruder und Schwester, Mensch unter Menschen, der sich in geschwisterlicher Liebe hineingibt in Welt und Tod, Leid und Auferstehung.
Eine ganz große Portion Trost bekommen wir an diesem Sonntag serviert. Gott als Gott allen Trostes, mütterlich, väterlich, geschwisterlich. Gott, der uns aufruft, diesen Trost weiterzugeben, stark und unermüdlich und vor allem kreativ.
So mancher Weg des Trostes bleibt uns versperrt, schmerzlich versperrt. Der starke Händedruck, die mutmachende Umarmung, das Lächeln aus nächster Nähe. Finden wir neue Trostwege, geduldig und beharrlich, liebevoll, mütterlich, väterlich und geschwisterlich!

Amen.


Pastor Manuel Kronast





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