Aktuelles Thema - Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde

Ev.-luth. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde
Hannover Badenstedt
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Aktuelles Thema - Der letzte Weg

Abschied von meinem Vater

ich mag Geburtsgeschichten. Als Mutter bekomme ich viele davon von anderen Müttern erzählt. Immer wieder staune ich über das Wunder der Geburt und wie jedes Kind ein bisschen anders auf die Welt kommt.
Sterbe‐ und Abschiedsgeschichten werden eher selten erzählt. Aber seitdem ich einige in meinem Umfeld mitbekommen habe, denke ich, dass auch am Ende des Lebens jeder und jede auf seine oder ihre Weise geht. Wir können nicht wissen, wohin. Aber genauso wenig wissen wir, wo wir bei der Geburt herkommen.
Natürlich sind Geschichten vom Beginn des Lebens freudiger als die von seinem Ende. Aber ich finde, wenn sie erzählt und gehört werden dürfen, dann können auch letztere etwas Schönes haben.

Anfang des Jahres ist mein Vater gestorben. Er war neunzig Jahre alt. Er ging einen Tag nach seiner Goldenen Hochzeit. Er hatte das Glück, dass er zu Hause gehen durfte, mit meiner Mutter an seiner Seite. Er lag nicht im Krankenhaus und war nicht an irgendwelche Maschinen angeschlossen. Die letzten Jahre seines Lebens wurde er von meiner Mutter gepflegt, nicht von Pflegepersonal. Er durfte seinen letzten Atemzug in seinem Sessel tun. Das hat für mich etwas Tröstliches, auch wenn ich natürlich nicht weiß, wie er sich in diesem Augenblick gefühlt hat. Meine Mutter sagt, er habe noch ein paar Mal gelächelt, als es zu Ende ging. Das lässt mich hoffen, dass er in Frieden loslassen konnte.

Meine Mutter rief meine Geschwister und mich noch in der Nacht an. Wir fuhren sofort zu ihr. Ich war selbst überrascht, wie wichtig es mir in dem Moment war, meinen verstorbenen Vater noch einmal zu sehen. Ich setzte mich sogar zu ihm, hielt seine Hand und sagte ihm ein paar Abschiedsworte. Hätte man mich vorher gefragt, ob ich mir so einen Abschied wünschen würde, so hätte ich es nicht sagen können. In dem Moment fühlte es sich richtig für mich an und ich bin froh, dass ich ihn so erleben konnte.
Am Morgen kamen die Bestatter und nahmen seinen Körper mit. Ich fand das schlimm, denn damit blieb nichts Greifbares mehr von ihm übrig. Wenn ich zu Lebzeiten Kontakt zu ihm aufnehmen wollte, sah ich ihm in die Augen. Wenn ich an ihn dachte, sah ich ihn natürlich in diesem Körper vor mir, mit dem er gesprochen und gelacht, gefühlt und gedacht und sich fortbewegt hatte. Jetzt hatte er
dieses „Werkzeug“ nicht mehr, und so konnte ich auch nicht mehr mit ihm in Kontakt treten.
Meine Mutter, meine beiden Geschwister und ich saßen bald darauf zusammen am Mittagstisch, als Familie, aber ohne Papa. Wir begannen, über ihn zu sprechen. Wir holten alte Fotoalben heraus, fanden die Glückwunschkarten, die er lange Jahre zu jedem Geburts‐ und Hochzeitstag für meine Mutter gezeichnet hatte. Auf einmal kehrten viele Erinnerungen an ihn zurück, die in den letzten Jahren von seinem Dasein als Pflegefall überdeckt gewesen waren. Jetzt sprudelten die Erinnerungen nur so aus uns heraus. Wir entdeckten Seiten an ihm wieder, staunten über seine ausgeprägte künstlerische Ader, bewunderten seine lässige Art, die auf den Fotos deutlich zu erkennen war. Ich hatte das Gefühl, als sei er plötzlich wieder präsenter, als in den letzten Jahren seines Lebens, in denen er kaum noch sprach und fast nur noch schlief.
Wir begannen, die Trauerfeier für meinen Vater zu planen. Meine Mutter hatte vor kurzem in einem Buch* gelesen, dass man viele Freiheiten in der Gestaltung von Trauerfeiern hat. Also überlegten wir uns einen Abschied, der ihm gerecht wurde. Als wir seinem Bruder erzählten, dass wir die Feier selbst ausrichten wollten, war er zunächst wenig begeistert. Im Gegensatz zu meinem Vater fand
er es wichtig, den kirchlichen Segen dabei zuhaben.
Wir kamen ins Grübeln und fragten uns, für wen eine Trauerfeier eigentlich ist. Tatsächlich sollte sie wohl hauptsächlich dazu dienen, dass die Hinterbliebenen sich verabschieden können. Also entschieden wir uns dafür, Pastor Kronast zu bitten, durch die Trauerfeier zu führen, ein Gebet zu sprechen und das Vaterunser. Das war eine gute Entscheidung, denn es gab dem Ganzen einen würdevollen Rahmen.
Innerhalb dieses Rahmens war es uns möglich, den Abschied sehr persönlich zu gestalten. Wir stellten eine Collage mit Bildern aus seinem Leben auf. Meine Nichte spielte "When the Saints Go Marching in" auf der Gitarre, die Gemeinde sang mit. Eine Jazz‐Version des Liedes und ein Popsong, den er gemocht hatte, wurden gespielt, ganz nach seinem Geschmack. Meine Mutter, mein Bruder und ich hielten jede/r eine kurze Rede über ihn. Alles fühlte sich genau richtig an. Es war eine wunderschöne Trauerfeier, bei der ge‐
weint und sogar ein bisschen geschmunzelt werden durfte.
Anschließend kamen alle Trauernden mit in eine Gaststätte, wo sich alle angeregt unterhielten, über meinen Vater, oder auch über etwas anderes. Es wurden Verabredungen getroffen. Einige Gespräche verliefen tiefer als sonst. Kinder sprangen herum.

Einige Wochen später setzten wir seine Urne im RuheForst Deister bei. Es war der Abschluss einer Abschiedsreise, dessen letzten Teil wir nur mit der engen Familie begingen.
Auf dem Weg zu seinem Baum durfte jede/r von uns seine Urne ein Stück tragen. Er bekam einen schönen Baum, an dem nun sein Name steht. Wenn wir ihn besuchen wollen, können wir in den Wald gehen, so wie er auch immer gern in den Wald gegangen ist.
Es war gut, als das physische Abschiednehmen mit diesem Tag zu einem Ende kam.
Wir hatten es so gut hinbekommen, wie es nur ging. Trotzdem war es kräftezehrend gewesen. Was blieb nun übrig? Das Glück darüber, dass mein Vater ein erfülltes Leben hatte.
Der Schatz der vielfältigen und lebendigen Erinnerungen an ihn. Die Liebe zu ihm in unseren Herzen.
Irgendwann in dieser Zeit war ich mit dem Fahrrad unterwegs, dem liebsten Fortbewegungsmittel meines Vaters. Es war Winter, aber die Sonne schien, mit einigen Wolken am Himmel. Ich dachte an meinen Vater und fand es auf einmal wieder traurig, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm haben kann.
Ich stieg vom Rad und setzte mich auf eine Bank. Wolken verdeckten die Sonne. Ich saß da und wünschte mir ein Zeichen. Da kam die Sonne hervor, schickte ihre Strahlen durch die Wolken und erhellte die Landschaft vor mir. Ich musste lächeln und murmelte vor mich hin: "Ist ja gut, Papa, ich hab's verstanden."

Britte Füllgrabe
(Foto:Füllgrabe)
*The End: Das Buch vom Tod. Eric Wrede.

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Bestattungen im Wandel
Ein persönlicher Rückblick

Seit 14 Jahren bin ich Pastor und habe in dieser Zeit fast 500 Trauerfeiern durchgeführt. Es ist immer auch ein schwerer Gang, vor allem natürlich für die Angehörigen. Aber dabei habe ich stets die Rituale des Abschiednehmens als eine Entlastung empfunden und aus so manchen Gesprächen weiß ich, dass das vielen Angehörigen auch so geht.

Natürlich gibt es Veränderungen, auch innerhalb von 14 Jahren. Die Anzahl der Erdbestattungen nimmt ab, die der Urnenbeisetzungen zu. Und auch nach Aussage von Bestattern gibt es immer mehr Menschen, die ganz ohne Ritual, sei es weltlich oder geistlich, beigesetzt werden. Das finde ich sehr schade, für die Verstorbenen und ebenso für die Angehörigen.
Deutlich zugenommen haben die Bestattungen in Waldfriedhöfen, ob sie nun Friedwald, Ruheforst, Seelwald oder anders heißen. Die Trauerfeiern dort sind besondere, mitten in der Natur, fern vom Lärm der Stadt.
Es ist eine besonders umweltfreundliche Form der Bestattung, die so gut wie gar nicht in die Natur eingreift. Ich kann verstehen, dass Angehörige diese Bestattungsart immer häufiger wählen.
Auf der anderen Seite gehe ich gerne durch die zum Teil uralten Friedhöfe in Hannover, studiere die Grabsteine und fühle mich wie in einer Chronik der Stadtteilsgeschichte.
Sie erzählen so einiges von den Menschen, die hier einmal gelebt haben, von ihren Ängsten und Hoffnungen, von ihrem Umgang mit dem Tod. Dort treffen sich Menschen, die für Gräber ihrer Lieben sorgen, eine Atmosphäre der Erinnerung und der Fürsorge liegt über diesen Orten.
Jedes Jahr bin ich mit Konfirmand*innen auf dem Friedhof und lade sie ein, auf Entdeckungsreise zu gehen. Behutsam und neugierig gibt es dort viel zu lernen.
„Herr, lehre uns, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!” Diese Worte aus dem 90. Psalm stehen auf so manchem Grabstein und es stimmt: Wenn wir wissen, dass unser Leben einmal ein Ende hat und das als Teil unseres Daseins akzeptieren, dann leben wir bewusster, klüger.

Die Trauerfeier: Ein ganz wichtiges Ritual, ohne sie fehlt für mich etwas Entscheidendes, ein bewusster zweiter Abschiedszeitpunkt. Von dort aus ist die Rückkehr ins Leben möglich, und sei sie noch so allmählich. Es helfen die uralten Texte, manch vertraute Lieder ‐ oder auch Musik, die den Verstorbenen im Leben wichtig war. Da erklingen dann auch mal Elvis Presley, Eddie Cochran, Peter Fox, Heintje oder Fury in the Slaughterhouse. Keine Beerdigungslieder, aber die Musik des Lebens, an das wir uns erinnern. Viele Menschen wollen sich hineinfallen lassen in das Ritual, andere wollen es bewusst mitgestalten. Da wird ein Sarg oder eine Urne bemalt, da wird Musik gemacht oder ein Nachruf verlesen. Es gibt bei diesem Ritual kaum ein Richtig oder Falsch, es ist wichtig, dass es das Ritual der Angehörigen wird und Halt gibt.
Meine Aufgabe ist es, Leben und Sterben mit der Botschaft Gottes zu verbinden. Kann Trost geben, was vor langer Zeit in Jerusalem geschehen ist: dass ein Mann ans Kreuz geschlagen wurde, von dem es hieß, er sei der Sohn Gottes? Für mich ist es das entscheidende Zeichen gegen die Trauer, dass Gott mit uns in den Tod gegangen ist und uns dann mit hinausgeholt hat.

Ganz selten werde ich gebeten, noch andere Rituale durchzuführen. Die Aussegnung im Haus der oder des Verstorbenen, wo im kleinen Kreis in Ruhe Abschied genommen werden kann, im Schein einer Kerze, bei einem kurzen Gebet, in der Stille, mit alten oder neuen Worten.
Oder noch vor dem Tod, das Krankenabendmahl, wenn die oder der Verstorbene sich ganz bewusst in die Gemeinschaft der Glaubenden stellt und Kraft in der Verbindung mit Jesus Christus sucht und findet.

Abschied nehmen heißt auch, wirklich loszulassen. Deshalb bin ich ein Verfechter des Friedhofszwangs, mit seinen Abmilderungen wie Wald‐ oder Seebestattungen. Wenn die Urne zu Hause im Wohnzimmer steht: Wie will da ein Abschied gelingen? Und ich möchte mir nicht ausmalen, wie Erben sich um diese Urne streiten und Sorgerechtsprozesse um die Asche des Vaters ausgetragen werden ...

In den letzten Monaten flackerte wieder einmal die Diskussion um Erdbestattungen auf dem Badenstedter Friedhof auf. Ich kann die Argumentation der Stadt nachvollziehen, es ist keine schöne Vorstellung, dass die Verwesung nicht ordentlich erfolgen kann. Aber dann Verstorbene umzubetten, oder Ehepaare im Tod auseinander zu reißen, diese Vorstellung tut mir weh.
Ich wünsche mir, dass es hier eine menschenfreundliche Lösung gibt – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Erdbestattungen immer weniger werden. Denn das Wichtigste ist doch, dass Angehörige würdig Abschied nehmen können und einen guten Ort der Erinnerung haben.

Manuel Kronast
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Bäume auf dem Friedhof


Friedhöfe sind Orte der Ruhe und des stillen Gedenkens. Bäume sind wichtig dafür: Sie dämpfen den Schall, bremsen den Wind und geben Schatten. Das Grün des Laubes wirkt beruhigend. Der waldartige Charakter vieler Friedhöfe tut der Seele gut.

Friedhöfe sind auch Stätten des Lebens: Sie sind ein wichtiger Rückzugsraum für Pflanzen und Tiere und bilden oft ökologisch wertvolle Inseln im urbanen Raum. Die tragen wegen ihrer Größe und der damit verbundenen kleinklimatisch positiven Wirkung oft dazu bei, Städte „lebenswerter“ zu machen. Alte Friedhöfe mit alten Baumbeständen gehören zu den artenreichsten städtischen „Bebauungstypen“. Gerade in den Bereichen außerhalb der gepflegten Grabflächen kommt eine Vielzahl an wildwachsenden Farn‐ und Blütenpflanzen vor, von denen sogar etwa 10% als seltene oder gefährdete Arten auf der “Roten Liste“ stehen. Für Insekten und insbesondere für Wildbienen bieten sie einen wichtigen Lebensraum.
Der fast 100 Jahre alte Stadtfriedhof Ricklingen wird durch Alleen untergliedert und weist
in den einzelnen Abteilungen einen beeindruckenden Bestand alter Bäume auf. (Foto: Ernst Kürsten)

Durch eine ökologische Aufwertung der Friedhofsflächen und eine angepasste Bepflanzung und Pflege können die Kosten für die Instandhaltung verringert werden, während gleichzeitig die Attraktivität für viele Besucher gesteigert wird. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) führt derzeit ein Projekt durch, in dem auf vier großen „Vorzeige“‐Friedhöfen in urbanen Gebieten in ganz Niedersachsen Maßnahmen durchgeführt werden sollen.

Ein neuer Trend geht zu noch mehr Natur (und geringeren Kosten) bei der Bestattung:
In einem „Friedwald“ oder „Ruheforst“ wird eine biologisch abbaubare Urne im Wurzelbereich eines alten Waldbaumes versenkt. Eine Plakette oder Namensschild ersetzt den traditionellen Grabstein und die „Pflege“ des Grabes übernimmt die Natur.

Ernst Kürsten

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